Was ist das – die Hypnose?

Rezension: Was ist das – die Hypnose?
Hrsg. Patricia Auer / Armin Weinrath, Turia + Kant, 2025, 263 S.,
ISBN: 978-3-98514-123-4

Bisher war Roustangs Name im deutschsprachigen Raum kaum bekannt. In Frankreich und darüber hinaus gilt François Roustang (1923-2016) hingegen als der zweifellos wichtigste Vordenker der Hypnose. Er, der äusserst tiefsinnig denkende, wissenschaftlich breit abgestützte und intellektuell unabhängige Philosoph und Psychologe auf der einen Seite, und neben ihm Erickson, der geniale Pragmatiker und bekennende Atheoretiker, sie könnten kaum unterschiedlicher in ihrem Bezug zur Hypnose sein. Doch ergänzen sich beide hervorragend als die wesentlichsten Referenzen im Spektrum der Vielfalt der Hypnose.

 

Ursprünglich ein bedeutender Jesuitenpater mit Philosophie- und Theologiestudium im Gepäck, dann ein ebenso beachteter Psychoanalytiker im Gefolge Lacans, trennte sich Roustang von beiden Richtungen, als er die Hypnose kennenlernte, nicht zuletzt, weil die beiden ersten Schulen ihm zu viel intellektuelle Unterwerfung abverlangten. Die Hypnose hingegen liess mit ihren bisherigen, dürftig oder einseitig fundierten Theorien seinem offenen und akribischen Geist ein ideales Forschungsfeld offen. Sein eigenständiger bis eigenwilliger, phänomenologisch orientierter Ansatz und seine gleichzeitig wissenschaftlich fundierte, radikal logische Denkweise, ergeben ein überraschendes, aber ausserordentlich fruchtbares, neues Bild der Hypnose. Roustangs Theorie bleibt nicht nur als Theorie interessant, sie öffnet auch für die Praxis spannende und relevante Horizonte.

 

Roustangs im vorliegenden Buch ausgeführten Gedanken schon nur im Überblick zusammenzufassen, würde den Rahmen dieser Rezension sprengen. Hier also nur ein paar wichtige Themen. Im Zentrum seines Werks steht der von ihm geprägte Begriff der «paradoxen Wachheit», mit dem er den hypnotischen Zustand charakterisiert. Dabei lehnt er sich an die vom Neurowissenschaftler und Traumforscher Michel Jouvet geschaffene Bezeichnung «paradoxer Schlaf» an. Diese hebt eine zentrale Eigenschaft des REM-Schlafs hervor: Paradox ist an dieser Schlafphase, dass sich in diesen Momenten eine sehr intensive kortikale (Traum-) Aktivität mit einer maximalen Lähmung der quergestreiften Muskulatur verbindet. Jouvets Experimente weisen darauf hin, dass diese paradoxe Kombination im Träumen eine iterative Programmierung des Hirns ermöglicht, welche der permanenten Anpassung der psychologischen Identität der Person dient, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass sich diese Hirnarbeit in (möglicherweise gefährlicher) physischer Aktion äussert. Roustang verweist zu Recht auf die auffällige Parallele zur Hypnose: Auch bei ihr findet sich eine intensive innere, bildnerische (Hirn-) Aktivität bei komplett stillgelegter, körperlicher Aktivität – nur im Wachzustand statt im Schlaf.

 

Diese «paradoxe Wachheit» ortet Roustang als dritte Form von Wachheit neben dem, was er als «eingeschränkte» und als «umfassende» Wachheit bezeichnet. Unter der «eingeschränkten Wachheit» versteht er die normale Form von Wachheit des Alltags mit ihren fixen Denk- und Interpretationsschemen, Gewohnheiten usw., in der wir uns meist befinden und die uns das Leben in der äusseren Realität vereinfacht. Als «umfassende» bzw. «generelle Wachheit» bezeichnet er das grundlegende Wachsein an sich, also die Wachheit, die unselektiert alles umfasst, was an Leben im wachen Menschen vorhanden ist, so wie das Schlafen alles umfasst, was im Schlafen in ihm geschieht. In der «umfassenden Wachheit» steht somit ein unermessliches Potenzial zur Verfügung. Den Übergang bzw. Zugang zwischen «eingeschränkter» und «umfassender» Wachheit bildet die «paradoxe Wachheit».

 

Die Kunst des Hypnosetherapeuten besteht also darin, den Patienten in der Interaktion mit ihm in die «paradoxe Wachheit» eintreten zu lassen. In dieser kann er ungestört von physischer Aktivität den Zugang zu seiner «umfassenden Wachheit» finden und darin Inspiration für die Ausweitung seiner «eingeschränkten Wachheit» schöpfen. Wir finden hier eine viel differenziertere Formulierung für etwas Ähnliches wie das, was in Hypnosekreisen gerne «Eintauchen in die Weisheit des Unbewussten» genannt wird.

 

Als weitere Beispiele von Begriffen, die in Roustangs Denken einen bedeutungsvollen Platz einnehmen, seien das «Pouvoir» oder die «Disposition» erwähnt, beides französische Wörter, die in der deutschen Sprache keine wirklich genauen und übereinstimmenden Entsprechungen finden (an dieser Stelle sei die hervorragende Übersetzungsarbeit durch Patricia Auer und Armin Weinrath gewürdigt: solche letztlich unübersetzbaren französischen Ausdrücke  haben sie in einem Glossar zusammengefasst und diese darin jeweils elegant nachvollziehbar charakterisiert, im Text selber dafür das französische Original belassen). Beim Beispiel des Begriffs «Pouvoir» geht es Roustang darum, mit diesem Wort ein angeborenes «Können», eine grundsätzliche «Macht» zu erfassen, die es dem Menschen erlaubt, sich durch eine Traumaktivität ein inneres Universum zu bilden und zu gestalten. Mit diesem kann er dann den Einflüssen der Umwelt entgegentreten und ihnen Bedeutungen zuordnen. Die Hypnose, bzw. die «paradoxe Wachheit» erlauben letztlich, dieses «Pouvoir» im wachen Leben nutzbar zu machen. Unter dem französischen Wort «Disposition» versteht er eine Art neutraler Grundstimmung mit einer auf nichts gerichteten Erwartung, in die der Hypnotisand eintreten muss und die in der «paradoxen Wachheit» vorhanden ist, damit die Welt der «umfassenden Wachheit» fruchtbar auf ihn einwirken kann.

 

Diese Gedanken stützt Roustang wo sinnvoll und möglich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Daneben stellt er auch zahlreiche Bezüge zu Philosophen wie insbesondere Heidegger her oder verweist auf Selbstbetrachtungen von berühmten Dichtern wie Novalis (um hier nur Namen zu zitieren, die dem deutschsprachigen Leser eher vertraut sein dürften). Seine Theorie untermauert er mit zahlreichen klinischen Fallbeispielen aus seiner eigenen, therapeutischen Erfahrung, welche die streckenweise etwas anstrengenden Gedankengänge immer wieder lebendig werden lassen.

 

Im letzten Teil seines Buches weitet er seine Überlegungen zur Hypnose und zur «paradoxen Wachheit» zu einer Möglichkeit eines Lebensstils aus, die mannigfaltige Bezüge zu chinesischer und japanischer Philosophie beinhaltet. Das Gemeinsame dabei ist die dem Nichts-Tun inhärente Kraft, die in der «paradoxen Wachheit» wie in den fernöstlichen meditativen Lebensweisen im Zentrum stehen.

 

Was der Leser in diesem Buch nicht finden wird, sind Lehrgeschichten, praktische Tipps und Tricks, erfolgversprechende Induktionsmethoden, Anwendungsbeispiele von hypnotischen Phänomenen und Ähnliches, Dinge also, die der Anfänger in Hypnosetherapie als Rettungsanker für schwierige Situationen gerne sucht. Dieses Buch ist vielmehr für Hypnosetherapeuten geschrieben, die in der Tiefe verstehen wollen, was sie praktizieren und die dadurch ihre Praxis von unnötigem Ballast zu befreien suchen, damit sie mit der Hypnose möglichst schlicht und wirksam weiterhelfen können. 

 

Dieses Buch verdient eigentlich, zu einer Pflichtlektüre für Hypnosetherapeuten zu werden, die sich über die technischen Fertigkeiten eines Hypnosetherapeuten hinaus zum Thema Hypnose wirklich bilden wollen, d.h. die sich ein wirklich tief fundiertes Bild zu ihr erarbeiten wollen. Bei Roustang finden sie die wohl kohärenteste Darstellung der Hypnose, die diesem geheimnisvollen Phänomen am vollständigsten gerecht wird. Der Leser darf sich nicht erhoffen, durch die Lektüre dieses Werks eine Vertiefung bekannter Theorien über die Hypnose – seien sie tiefenpsychologisch, behavioristisch, experimentalistisch, oder welche auch immer – zu finden. Er muss einfach bereit sein, die Hypnose mit neuen Augen zu sehen, und dann werden sich für ihn neue Horizonte für seine Praxis öffnen.

J. Philip Zindel

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